KaliforniAbenteuer Tag 1: Alles Stuhl
OK, Leo und ich haben es inzwischen also geschafft und sind zur Zeit gerade in einem Autobus in Richtung Longbeach unterwegs; unser gestriger Reisetag war nicht gerade überwältigend an Ereignissen, die es würdig wären, geblogt zu werden, aber die eine oder andere Überraschung gab es dennoch.
Der Gegenstand des Tages war am Dienstag definitiv Der Stuhl, respektive Sitz. Vom Morgen bis zum späten Abend erhielt ich Gelegenheit, dutzende (die sich anfühlten wie hunderte) von ihnen in Anspruch zu nehmen und auf ihnen - Leo natürlich unter ihnen - für mehr oder weniger lange Zeit auf irgendetwas zu warten.
Nach dem Beifahrersitz des Autos meines Vaters, welcher mich zum Bahnhof in Thun brachte, erlebten wir für knapp 100 Minuten die Stühle der Schweizerischen Bundesbahnen, mit deren Hilfe wir an den flughafen Zürich gelangten. Ich bekam von dieser Zugfahrt relativ wenig mit, da ich sie die meiste Zeit schlafend zubrachte. Am Flughafen zürich waren zunächst die sensationell strengen Sicherheitskontrollen, danach die Prozedur des Check Ins und dann alles in allem drei weitere Stühle, die uns angeboten wurden, während wir auf eine Person, die Leo zu seiner Toilette und uns zum Flugzeug bringen sollte, warteten.
Es folgte ein Ausflug ins Freie, den wir extra für Leo machten, damit dieser eine Mauer des Flughafens markieren konnte. Anschliessend ging es (natürlich auf einem Sitz) in einem Transportbus zum Gate, wo wir weiter - und sitzend - warteten. Und dann war es endlich so weit: Die Türen des flugzeuges wurde uns aufgetan. für Leo wurde der Platz neben mir frei gehalten, so dass wir uns beim Hinsetzen keine Quetschungen holten. Die Sitzreihe blieb unser fester Platz für etwas mehr als 11 Stunden - einzig Leo machte während des fluges einmal einen Spaziergang, zusammen mit einem Flugbetreuer, der ihm das Flugzeug zeigen wollte.
Ansonsten verbrachten wir den Flug vor allem schlafend, essend oder hungernd. Die Zeit bis zur Landung wollen wir daher nutzen, endlich auch den Zweck unserer Reise aufzuschreiben:
Am Anfang war da die Einladung zur Hochzeit meiner Freunde Melissa und Mike, die am 31. März in Ensenada heiraten werden. Diese Hochzeit ist der Hauptgrund unseres Fluges nach San Diego, welches nahe bei Ensenada liegt und für welches ich das bereits im vergangenen Post negativ erwähnte Flugticket erwarb.
Um der Reise noch etwas Abwechslung zu verleihen, entschied ich, am 29. März einen Abstecher nach Longbeach einzuplanen, um Daniel Kish, geschäftsführer von World Access for The Blind zu treffen und mit ihm mögliche Seminare in der Schweiz zu besprechen. Ausserdem gab es weitere Kollegen in San Diego, die ich bei der Gelegenheit wieder zu sehen gedachte. Es sind also gleich mehrere Missionen, die zu erfüllen Leo und ich uns in die Köpfe gesetzt hatten.
Das erste Problem, welches sich uns stellte, war jenes des Übernachtens in San Diego. Zwar hatten mir meine Leute in Ensenada versprochen, dass sie sich darum kümmern und mir Bescheid geben würden, sobald sie etwas für uns gefunden hätten. Leider war dies dann so ziemlich das letzte, was ich von ihnen hörte - da waren weder Mitteilungen in meiner e-Mailbox noch auf meinem Anrufbeantworter. Irgendwie ärgerlich für mich, da ich nun nicht wusste, ob ich mir selbst noch kurzfristig eine Übernachtungsmöglichkeit suchen musste oder ob schon alles für unser Eintreffen vorbereitet war und lediglich die entsprechende Nachricht verloren ging.
Über solchen Gedanken grübelnd, erreichte unser flugzeug schliesslich Dallas, wo wir in die USA immigrieren und Umsteigen sollten. Während Leo, durch sehr nervöses Verhalten und heftiges Ziehen an der Leine kund tat, dass er mal dringend auf die Toilette sollte, kamen wir nun in den unverfälschten und ausführlichen Genuss des US-Einreiseverfahrens: Natürlich wurde ausgerechnet heute unser Koffer geöffnet, da man uns nicht abnehmen wollte, dass Leos mitgeführte Nahrung mit sämtlichen anti-Terror-Bestimmungen kompatibel war. Ausserdem wurden mir noch fingerabdrücke genommen - auf Leos Pfoten wurde höflich verzichtet. Das ganze Prozedere wurde durch das Anstehen in vielen Schlangen, die Überforderung der Flughafen-Assistenten sowie das vorhandensein auffallend vieler anderer behinderter Gäste, die allesamt betreut werden wollten, verlängert.Dann, ENDLICH, kam Leo zu seiner Toilette im Freien, die wir jedoch auf ein Minimum beschränkten, da ich damals noch an die Illusion glaubte, ich würde meinen Anschlussflug, der in 10 Minuten starten würde, erwischen.
Um dies definitiv unmöglich zu machen, nahm man mich nun bei einer weiteren Sicherheitskontrolle mer oder weniger komplett voneinander. Obwohl der Beamte mit seinem fröhlich pfeifenden Metall- und Drogendetektor freundlich und sogar lustig aufgelegt war (und, ganz nebenbei, einen weiteren Stuhl anzubieten hatte), änderte dies doch nichts daran, dass sein Theater rund eine viertel Stunde meines Lebens beanspruchte. Als er mich gehen liess, wartete der nächste Sitz auf uns, der zu einem Dallas-flughafen-Transportwagen gehörte, mit dem wir nun einige weitere Minuten lang durch das Gebäude gondelten. Noch bevor wir meinen Flugsteig erreicht hatten, kam die Nachricht per Funk: “Das Flugzeug ist bereits weg”.
Auffallend schnell und erst noch ohne weitere Kosten wurden Leo und ich also auf den nächsten flug umgebucht. Ausserdem nahm uns David, ein freundlicher Mann, dem offenbar das selbe Schicksal wie uns widerfahren war, als Gäste mit in die American Airlines Admirals Club Lounge, wo uns nbst einem weiteren Stuhl auch ein Internetzugang erwartete.
Mit dessen Hilfe fanden wir heraus, dass auch weiterhin keine Nachricht von meinem Freunden aus San Diego oder Ensenada vorlag. Ich kam also in den Genuss, uns für nicht gerade zu wenig Geld kurzfristig etwas zu suchen.
Bei Hostelworld wurde meine Abfrage abgewiesen mit dem Argument, ich versuche, zu weit im Foraus zu buchen. Auf der american Airlines Hotel Seite hatten wir schliesslich Erfolg, wenn man eine Nacht für $59 ohne Taxen und Gebüren als solchen bezeichnen darf.
Der Rest ist schnell erzählt: Im Flug nach San diego lernten wir Francis kennen, die selbst in San diego lebt und uns ihre Hilfe anbot, sollten wir während unseres Aufenthaltes Probleme beim Finden von Transportmöglichkeiten oder ähnlichem haben. Nach der Landung machte Leo erst Mal mich und viele andere glücklich, indem er einen seiner berühmten Haufen auf den Teppichboden des Flughafens San diego platzierte. Das Hinaustreten unter freien Himmel war eine Enttäuschung: Hatten wir in Dallas noch den einen oder anderen Sonnenstrahl abbekommen, begrüsste uns hier ein windiger und verregneter Abend; und während sich das Wasser seinen Weg durch meinen Pullover und Leos Fell bahnte, warteten wir auf den Flughafen-Shuttlebus, welcher uns zum Hotel bringen sollte.
Im Hotelzimmer - ausgerüstet übrigens mit nur einem Stuhl, erfreute mich der kostenlose Internetservice, der mir erlaubte, meine Umwelt darüber zu informieren, dass wir weiterhin am leben waren. Ferner konnte ich mein US-Mobiltelefon durch kräftiges Erhöhen seines Kontostandes zu ordnungsgemässer funktionsfähigkeit überreden - wer uns also anrufen will, kann dies nun tun unter +1-888-675-7494.
Gegen elf überkam mich dann wieder eine heftige Müdigkeit und da auch Leo kein Interesse zu haben schien, jetzt noch einmal raus zu gehen, legte ich mich ohne unverzüglich ins Bett. Für den nächsten Tag hatte ich die Reise nach Longbeach geplant. Dazu sollte ich um 10:30 einen Autobus in San diego besteigen. Um davor viel Zeit zu haben und auf keinen Fall das im Zimmerpreis inbegriffene Frühstück zu verpassen, stellte ich meinen Wecker auf sieben Uhr - obwohl ich erwartete, aufgrund der Zeitverschiebung ohnehin nicht gerade lange zu schlafen.