Die USA und Zugänglichkeit - mache ich irgendwas falsch?

Ein Beitrag zur Accessibility Blog Parade 2007
Update: Englische Übersetzung und Bilder beigefügt am 23. November 2007!
Als ich entschied, diesen Text zu schreiben, stand ich gerade vor unserem kleinen Postbüro hier an der University of the Nations in Kona und hatte einen Brief in der Hand, den das Postamt retourniert hatte. “Requires Postage” (”Muss frankiert werden”) stand auf einem Begleitzettel. Ausserdem wurde mir ein Auszug aus dem Regelwerk des lokalen Postversandes mitgegeben. Es war das Resultat meines ersten Versuches, hier in den USA einen Brief als kostenlose “Blindensendung” (”Free Matter For The Blind”) zu verschicken. Ich musste eine der Regeln (hier in Englisch und als PDF) missachtet haben, aber niemand (auch nicht ein Postbeamter, den ich anrief) konnte mir sagen, welche genau.

Rene Jaun und Leo am Briefkasten (klicken Sie, um das bild zu vergrössern)

Es war der Moment, in welchem ich einmal mehr zu grübeln anfing. Zugänglichkeit und Dienstleistungen für blinde scheinen irgendwie einfach nicht gleich zu funktionieren in den USA wie in der Schweiz. Ständig passierten mir solch seltsame Dinge, immer dann, wenn Zugänglichkeit für Blinde ins Spiel kam. Geht es wohl auch anderen blinden Menschen so? Oder mache ich irgendwas falsch?

Der Traum vom zugänglichen Amerika

In der Schweiz, insbesondere als Angestellter von Zugang für Alle, waren die Vereinigten Staaten von Amerika immer wieder ein Thema. Sie galten in Sachen Zugänglichkeit als grossartiges Vorbild. Die Gesetze, insbesondere der Americans With Disabilities Act (englische Seite) (Das Gesetz für Amerikaner mit Behinderungen - ADA), die Banken mit ihren sprechenden Geldautomaten und ihren Kontoauszügen in Braille und natürlich auch das Internet und die daran gestellten Zugänglichkeits-Anforderungen… Es schien, wie in alten Zeiten, in Amerika alles besser und fortgeschrittener zu sein. Ob dem wirklich so sei, fragte ich mich aber schon vor der Reise, als ich mit dem Antrag für ein U.S. Visum kämpfte.

Es begann im Internet

Behördliche Dienstleistungen, Formulare und Websites müssen, wenn ich das richtig verstanden habe, in den USA für alle Menschen, also auch für blinde Personen, zugänglich sein. Ein Gesetz mit dem Namen Section 508 (hier die offizielle, englische Website) legt dies, zumindest in groben Zügen, fest. Tatsächlich kann man die Antragsformulare für ein Visum in die USA auch im Internet finden - es ist sogar so, dass das Formular DS-156 in den meisten Ländern offenbar nur noch als Online-Version angeboten wird.

Dieses Formular DS-156 war denn aber auch das einzig wirklich zugängliche meiner Antragsformulare. Ein weiteres Dokument, welches ich ausfüllen sollte (DS-157) stand einzig als PDF-Datei zur Verfügung; und zwar entweder als solche, deren Formularfelder vom Screenreader gar nicht erst erkannt wurden (deutsche Übersetzung) oder als Datei mit einer Liste von Eingabefeldern und Auswahlschaltern, deren Reihenfolge aber nicht mit den verlangten Informationen übereinstimmten (Englisches Original).

Ich entdeckte dieses Problem Mitte Juli 2007 und wendete mich mit einer entsprechenden Mitteilung an die zuständige Section 508 Stelle. Anfang August wurde mir versprochen, dass das Formular “zur Zeit” den Zugänglichkeitsrichtlinien entsprechend angepasst würde, aber dass die Konvertierung eine Weile in Anspruch nehmen würde - vor meiner Abreise in die USA (Mitte September) wäre der Prozess leider nicht abgeschlossen.

Auch im Moment (es ist beinahe Mitte November) findet man nach wie vor die unzugängliche Version von DS-157 auf der offiziellen Website des U.S. Department of State. Offenbar scheinen also die Behörden und ihre Bemühungen zur Zugänglichkeit in den USA genau so langsam zu funktionieren wie in der Schweiz.

Als Trost sei noch anzufügen, dass auch das Formular, mit welchem ich mich als Auslandschweizer beim Generalkonsulat in San Francisco anmelden musste, nicht zugänglich war (ein weiteres PDF-Dokument, dessen Formularfelder der Screenreader nicht erkannte). Immerhin wurde mir vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten binnen 3 Wochen eine ausfüllbare MS-Word-Version des Formulars zugestellt.

Geld: Unzugängliche Noten, lügende Geldautomaten, normale Banken

Mit einem halbwegs ausgefüllten Antrag, dem Beantworten vieler Fragen und nach dreimaligem Abgeben meiner Fingerabdrücke, schaffte ich es also Mitte September in die USA. Eine der Schwierigkeiten, mit denen Blinde hier täglich kämpfen, ist die Unzugänglichkeit der lokalen Banknoten. Diese sind alle genau gleich gross, aus demselben Material und scheinen keine taktile Markierung aufzuweisen, mit deren Hilfe sie voneinander unterschieden werden könnten. Es gibt zwar Wege, die Banknoten zugänglich zu machen. Bereits vor einer Weile hat mir Rhiannon ein Hilfsmittel geschenkt, welches eine Blindenschrift-Markierung in die Banknoten stanzen kann. Doch auch hier muss man wissen, welchen Wert eine Banknote besitzt, bevor man sie dann richtig beschriften kann.

Ich habe keine Ahnung, warum die USA solch unzugängliche Noten eingeführt haben. Ich weiss, dass es eine Online-Petition gibt, welche die Zugänglichkeit der amerikanischen Banknoten verlangt. Jedenfalls fällt mir auch in diesem Punkt eine gewisse Langsamkeit auf.

Toll sind natürlich die sprechenden Geldautomaten. Zwar ist es so, dass lange nicht alle Automaten sprechen - man muss sich also auch in den USA immer wieder mal von zum Teil wild fremden Leuten beim Geldabheben helfen lassen. Und dann gibt es die Automaten (wie jener auf unserem Kampus), deren Sprachausgabe einem mit falschen Informationen versorgt: “Bitte führen Sie Ihre Karte ein, mit dem magnetischen Streifen gegen Rechts und nach oben”. Diese Mitteilung hörte ich etwa 30 Mal, als ich zum ersten Mal mit dieser Maschine zu tun hatte. Es dauerte an die fünf Minuten, bis ich feststellte, dass das Geldabheben auch wirklich klappte - man musste lediglich die Karte so einführen, dass der Magnetstreifen nach links und nach vorne zeigte - von “rechts und oben” keine Spur.
Da soll mal einer sagen, dass man diesen Maschinen vertrauen könne.

Rene Jaun und Leo an einem sprechenden Geldautomaten(klicken Sie, um das Bild zu vergrössern)

Eine weitere Enttäuschung erlebte ich dann bei der American Savings Bank of Hawaii, bei welchen ich ein lokales Konto eröffnen wollte. Natürlich gab es keine Unterlagen und auch keine Kontoauszüge in Blindenschrift. Ich hatte sogar den Eindruck, als hörten die Angestellten zum ersten Mal davon, dass irgendwer dies überhaupt anbieten würde.

Generell scheint mir der Bankverkehr eher unzugänglich zu sein. Normale Überweisungen, die man in der Schweiz ohne Probleme elektronisch erledigen kann, sind in den USA nicht nur höchst selten, sondern werden von meiner Bank auch nur direkt am Schalter erledigt.
Statt den Überweisungen werden Checks verwendet. Man füllt sie aus (d.h. wer nicht schreiben kann, lässt sie von jemandem ausfüllen) und lässt sie dann dem Empfänger zukommen. Der Empfänger geht dann offenbar zu seiner Bank, um sein Geld abzuholen… So oder ähnlich muss es ablaufen. Aber wieder ertappe ich mich dabei, die Frage nach der Zugänglichkeit zu stellen: Gibt es eine Möglichkeit für mich, unabhängig einen Check auszustellen? Habe ich ein Hilfsmittel noch nicht entdeckt? Oder sind blinde Menschen auch hier auf die Hilfe von sehenden Personen angewiesen?

Verkehr: Busse, die nichts sagen und nicht vorhandene Gehsteige

Dann gibt es die Dinge, die wohl mit meinem konkreten Aufenthaltsort zu tun haben. Ich wurde schon vor meiner Anreise darüber informiert, dass es hier in Kailua Kona nicht gerade von Dienstleistungen für blinde Menschen wimmelt. Die Stadt, sagte man mir, habe ungefähr 30′000 Einwohner und liegt im Bundesstaat Hawaii - weit ab vom Festland. Was es hier zum Beispiel kaum gibt sind öffentliche Verkehrsmittel. Es gibt zwar durchaus einige Bus-Linien, die jedoch eher den Transport von Stadt zu Stadt ermöglichen als die Beförderung innerhalb eines Ortes. Als ich während eines Wochenendes in Honolulu war, begeisterten mich die Dortigen Bus-Betriebe mit guten Stationsansagen und freundlichen Fahrern. Was die Busse in kleineren Städten angeht, konnte ich noch keine persönlichen Erfahrungen sammeln, verweise jedoch auf Maverik’s Schilderungen, die er nach einem Besuch hier in Hawaii niederschrieb.

Was ich hingegen schon persönlich erfuhr ist der generelle Mangel an Gehsteigen hier in Kailua Kona. Es gibt Orte, da fehlen sie vollständig. An anderen Stellen wird die Fahrbahn durch eine weisse Linie (sehr toll für Blinde) vom Trottoir abgetrennt, ansonsten sind die Gehsteige ganz in Ordnung. Aber auch hier wurde offenbar nicht auf Zugänglichkeit geachtet, wahrscheinlich darum, weil Fussgänger in diesem Land generell weniger wichtig zu sein scheinen als Autofahrer. Ich kann in meinem Fall auch auf Leo, meinen Führhund zählen, der immerhin die Gehsteige mit Abtrennlinien richtig interpretieren kann.

Bei Kreuzungen fällt ab und zu eine taktile Markierung auf. Diese führt einem aber nicht zum eigentlichen Fussgängerstreifen, sondern erstreckt sich entlang einer Strassenkurve, also quasi von Fussgängerstreifen zu Fussgängerstreifen. Man darf hier also nicht den taktilen Boden nutzen, um die Richtung für ein korrektes Überqueren zu finden - eine Sache, an welcher ich noch arbeiten muss und deren Logik mir bislang noch nicht klar geworden ist.

Rene Jaun und Leo warten auf den Moment, eine Strasse zu überqueren (klicken Sie, um das Bild zu vergrössern)

Der blinde Passant sucht in Kailua Kona vergeblich nach zugänglichen Ampeln. Es gilt auch hier - ähnlich wie in der Schweiz, den Lärm der Autos richtig zu deuten und selbst zu entscheiden, wann der Moment zum Überqueren der Strasse gekommen ist. Es kommt vor, dass freundliche Autofahrer ihren Wagen für mich auch dann anhalten, wenn sie eigentlich das Fahrrecht hätten; und besonders blöde Fahrer stoppen ihre Fahrzeuge manchmal auf dem Fussgängerstreifen - es ist also alles ganz wie zu Hause :-)

Die guten Sachen

All diese eher seltsamen Eindrücke würden aber das Bild, welches ich im Bezug der Zugänglichkeit in den USA gewonnen habe, nur halbwegs widerspiegeln. Natürlich gibt es auch hier die guten, die genialen Vorkommnisse.
So freute es mich riesig, als mir von der lokalen Blindenbibliothek nach nur einem Monat des Wartens eine taktile Karte meines Stadtteils von Kailua Kona zugestellt wurde. Die Karte hilf mir, eine bessere Orientierung zu gewinnen und mir ein Bild der Stadt zu machen. Sie kam kostenlos zu mir und ich musste auch nicht extra die Behörden um Finanzierung bitten, wie das in der Schweiz nötig gewesen wäre.
Auch der Zugang zu Hörbüchern wurde innert weniger Tagen ermöglicht, obwohl ich nur temporär in den USA lebe. Etwas weniger schnell, aber immerhin in Bearbeitung, ist mein Antrag für Mobilitätstraining hier in Kailua Kona. Wenn alles klappt, wird bald schon ein Spezialist aus Honolulu zu uns rüber fliegen, um da mit Training zu helfen, wo meine sehenden Freunde an der University überfordert sind :-)

Auch Leo, mein Führhund, geniesst Freiheiten, die er bislang nicht hatte. Er hat hier das legale Recht, mich in öffentlichen Spitälern zu assistieren und zwar bis in die meisten Krankenzimmer. Des Weiteren darf er mich ohne Mehrkosten in jedes Hotel begleiten, auch dann, wenn die Hotels andere Hunde nicht zulassen. Beides sind Dinge, von welchem ich in der Schweiz nur träumen konnte.

Während meines Wochenendes in Honolulu besuchte ich die Jahresversammlung des Hawaiianischen Blindenverbandes. Dort lernte ich viele selbst von Blindheit betroffene und hier wohnende Menschen kennen. Es tat gut, zu merken, dass die Blinden hier zum Teil genau so grossartig und zum anderen Teil genau so seltsam waren wie in der Schweiz (übrigens gilt dies auch für die Sehenden). Die Gerüchte, die ich dort über die Schweiz hörte, entsprachen ungefähr jenen übertriebenen Vorstellungen, die ich von den USA hatte. Insbesondere wurde das Schweizer Sozialsystem gerühmt, welches ich als Betroffener zwar als lobenswert und grosszügig, jedoch oft auch als zäh, langsam und enttäuschend erlebe. Die Autofahrer seien generell rücksichtsloser in den USA, wurde mir gesagt - auch etwas, dem ich nicht so zustimmen konnte. Ich glaube, die Rücksichtslosigkeit der Autofahrer hängt generell von der Grösse des Aufenthaltsortes ab; in grossen Städten (wie Zürich oder Los Angeles) fährt man wohl einfach gefährlicher als wie in kleineren Orten (Thun oder Kailua Kona).

Mein Fazit so weit

Ja, es gibt Gleichstellungsgesetze in den USA, die so stark sind, dass sich die Schweiz und andere Länder ein Stück davon abschneiden sollten. Die Geldautomaten, die vielen Blindenschrift-Tafeln, die schnelle Zustellung von Karten und Hörbüchern sind weitere Punkte, die ich der Schweiz nachzuahmen aufdrängen möchte.
Gleich gestellter als in der Schweiz fühle ich mich aber trotzdem nicht wirklich. Viele der grossartigen Zugänglichkeitsmassnahmen, welche die USA so berühmt machen, sind in abgelegenen Regionen (wie hier in Hawaii) schlicht nicht verfügbar und auch nicht bekannt. Andererseits gibt es viele Dienstleistungen, von denen ich wohl einfach noch gar nichts weiss. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich sie alle gefunden und ausgeschöpft habe. Trotzdem möchte ich gerne wissen, wie weit das Gesetz wirklich geht und welche Rechte es mir hier in Kailua Kona gibt. Sind mangelnd erkennbare Gehsteige zugänglich? Und wie lange darf eine Behörde zur Konvertierung eines Formulars brauchen?

Die Schweiz hat ihr erwähntes Sozialsystem und eher zugängliches Geld. Es gibt an vielen Bahnhöfen Tastlinien, die die Orientierung erleichtern. Auf Fussgänger wird eher Rücksicht genommen, insbesondere durch das Bauen von tastbaren Gehsteigen. Aber auch in der Schweiz sind viele Massnahmen abhängig von der Region. Und häufig werden auch jene Massnahmen nicht umgesetzt, die im Gesetz verankert wären.

Generell hatte ich den Eindruck, dass die blinden Menschen hier in den USA vermehrt auf sehende Hilfe zurück greifen müssen - der Zahlungsverkehr und der Mangel an öffentlichen Verkehrsmitteln sind nur zwei Beispiele. Ist das schon ihre Vorstellung von Unabhängigkeit? Oder habe ich etwas falsch beobachtet? Und wie sieht wohl die Situation in anderen Teilen der USA aus?

Falls Sie, die dies hier lesen, mehr wissen, schreiben Sie es doch unten in den Kommentarbereich.

4 Responses to “ Die USA und Zugänglichkeit - mache ich irgendwas falsch? ”

  1. Daniela Says:

    Hallo René

    Spannend, dein erster RUndbrief und dein Blog.

    Ein kleiner Kommentar betreffend Zugänglichkeit für Sehende: Also was Banken angeht, die habe ich im Ausland (in meinem Fall in England) auch als keineswegs zugänglich erlebt. Ich hatte Lämpen in verschiedener Form, angefangen beim Eröffnen eines Kontos, dann beim Geld beziehen, beim Konto verwalten, beim onto ausnahmsweise mal drei Tage vor Lohnüberweisung ein paar Pfund überziehen (konstet 30 Pfund STRAFE!!!) und so weiter… das lobe ich Yellownet und BeKB. Ist glaub ich auch eine Frage der Sitten und Gebräuche in einem Land, nicht bloss der Kondition der Nutzer.

    Es lebt sich übrigens gut in deinem Apartement.

    Bis ein ander Mal,

    Daniela

  2. Access-for-all-Blog Says:

    Zugänglichkeit in den USA: Ein Bericht auf jaunscorner.com…

    Die USA sind im Bereich der Zugänglichkeit für viel Fortschritt und Innovation bekannt. Insbesondere ihre Version des Behinderten-Gleichstellungsgesetzes wird oft bewundert und als gutes Beispiel aufgeführt. Aber ist auf der anderen Seite des Teiche…

  3. Sven Says:

    Spannender Bericht und mir gefallen auch die Bilder aus Hawai. Das mit den PDF und Formularen kenne ich irgendwie, auch hier streichen die Jahre ins Land …

    Wie ist denn die Situation an der Uni?

    Viele liebe Grüsse aus Zürich.

  4. Maverik Says:

    Das kann ich nur bestätigen. Ich war 3 Wochen drüben bei Kailua-Kona Rene besuchen. Und es stimmt. Naja, das Kunden orientierte Denken gegenüber nicht Amerkikaner lässt sich auch zu wünschen überig.

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